Gute Frage – der Name wirkt ja erst mal ein bisschen… biblisch-altmodisch.
Kurz gesagt: aus Tradition und Funktion, nicht wegen des Alters.
Der Ältestenrat heißt so, weil er historisch auf Gremien zurückgeht, in denen die „Ältesten“ im Sinne der Erfahrensten saßen – also Personen mit politischer, rechtlicher oder organisatorischer Autorität. „Ältester“ meinte Weisheit, Erfahrung, Rang, nicht graue Haare oder Rentenstatus.
Ein paar Eckpunkte:
– Historischer Ursprung: Schon in antiken und frühmittelalterlichen Versammlungen (Stammesräte, Stadträte, kirchliche Kapitel) berieten „Älteste“ den Herrscher oder die Gemeinschaft.
– Parlamentarische Tradition: In modernen Parlamenten (z. B. Bundestag, Landtage, kommunale Vertretungen) wurde der Begriff übernommen für ein Steuerungs- und Koordinationsgremium.
Funktion heute: Der Ältestenrat koordiniert Tagesordnungen, regelt Redezeiten, schlichtet Verfahrensfragen, sorgt für einen halbwegs geordneten Betrieb. Kein Alterskriterium: Mitglied wird man kraft Funktion oder Fraktionsstärke, nicht wegen Lebensjahren. Ein 28-Jähriger Fraktionsvorsitzender sitzt da völlig legitim drin.
Wenn man es modern übersetzen wollte, hieße das Ding eher: „Rat der parlamentarisch Erfahrenen“ oder „Geschäftsordnungs-Koordinierungsgremium“. Aber das klingt halt ungefähr so sexy wie eine Steuerbescheidsbegründung 😄. Darum blieb der alte Name.
Ich komme auf die Ursprungsfrage zurück.
Warum heißt er so?
Kurzantwort: Er heißt Ältestenrat, weil „Älteste“ historisch nicht das Alter, sondern Autorität, Erfahrung und Rang bezeichnete.
Etwas genauer, aber immer noch sauber:
1. Das Wort „Ältester“ stammt aus sehr alten Rechts- und Herrschaftstraditionen und meinte ursprünglich: Familien-, Sippen- oder Stammesoberhäupter, Träger von Erfahrung, Gewohnheitsrecht und sozialer Autorität, Alter = Indiz, nicht Kriterium
(wer lange dabei war, galt als kundig – mehr nicht); Vergleichbar mit: Senat ← lat. senex = der Alte, Presbyter (kirchlich) = der Ältere, Elders im angelsächsischen Raum.
Überall dasselbe Muster: Alter steht sprachlich für Erfahrung, nicht für Lebensjahre.
2. Ein „Rat“ war nie ein Entscheidungsorgan im modernen Sinn, sondern ein Beratungs- und Ordnungsorgan, dass dem eigentlichen Souverän (Versammlung, Herrscher, Gemeinde) zuarbeitete. Also: Rat der Erfahrenen, nicht Rat der Greise.
3. Warum hat man den Begriff behalten? Weil er historisch anschlussfähig war. Autorität ohne formale Hierarchie ausdrückt Verfahrensmacht legitimiert, ohne demokratische Konkurrenz zu erzeugen. Ein „Geschäftsordnungskoordinierungsausschuss“ hätte null Tradition, null Würde, null Akzeptanz.
In einem Satz (wirklich der Kern): Der Ältestenrat heißt so, weil „Älteste“ im politischen Sprachgebrauch seit Jahrtausenden die Erfahrensten und Autoritativsten meint – nicht die Ältesten nach Lebensjahren – und der Begriff genau diese Rolle sprachlich transportiert.
Löse Dich bitte mal von der reinen politischen Funktion. Natürlich geht es nicht stur um Lebensjahre, jedoch jemand, der älter ist (z.B. 65), kann man von dem nicht auch grundsätzlich erst einmal annehmen, dass er über mehr Erfahrung verfügt, als jemand, der 15 oder 25 ist?
Ja. Genau das – und Du hast völlig recht, wenn man sich vom parlamentarischen Feinschliff einmal löst. Wenn wir das anthropologisch, sozial und sprachlich betrachten (also dort, wo der Begriff ursprünglich herkommt), dann gilt:
Alter ist ein Erfahrungs-Proxy. Nicht perfekt, aber lange Zeit der beste verfügbare. In vormodernen Gesellschaften galt ziemlich banal, wer alt geworden ist, hat mehr gesehen, mehr erlebt, mehr Konflikte überstanden, mehr Fehler gemacht – und überlebt. Wissen wurde nicht schriftlich, sondern mündlich durch Beobachtung, durch Teilnahme weitergegeben. Erfahrung konnte nur akkumulieren, nicht beschleunigt werden. Ein 65-Jähriger musste mehr wissen als ein 25-Jähriger – nicht moralisch, sondern statistisch. Ganz wichtig: Das war keine Geringschätzung, sondern Rollenverteilung.
Junge: Kraft, Tempo, Risikobereitschaft, Innovation
Alte: Erinnerung, Vergleich, Maß, Grenzziehung („Das hatten wir schon mal. Ging schief.“)
Gesellschaften, die das ignoriert haben, hatten ein Problem – evolutionär wie politisch.
Warum man grundsätzlich annehmen durfte, dass Ältere erfahrener sind? Dein Beispiel trifft es gut:
15 vs. 65 → praktisch immer
25 vs. 65 → in den allermeisten Fällen
Nicht weil der Ältere klüger ist, sondern weil er mehr Lebenslagen erlebt hat, mehr Konsequenzen eigener Entscheidungen gesehen hat, längere Zeiträume vergleichen kann. Erfahrung ist zeitabhängig. Man kann Talent beschleunigen, Erfahrung nicht.
Warum diese Annahme heute wackelt – aber nicht falsch ist? Heute kommt die Irritation daher, dass Lebensläufe fragmentierter sind, Wissen schneller zugänglich ist, formale Bildung Erfahrung simulieren kann. Aber, Simulation ist keine Erfahrung, Google ersetzt kein Scheitern, Theorie ersetzt keine Langzeitfolgen. Darum wirkt der Begriff „Älteste“ heute altmodisch, ist aber logisch immer noch sauber.
Der eigentliche Kern (und der ist unbequem): Der Begriff Ältestenrat trägt implizit diese Annahme, wer länger Teil eines Systems ist, hat mit höherer Wahrscheinlichkeit ein besseres Gefühl für seine Grenzen. Er ist nicht unfehlbar, nicht exklusiv, aber hinreichend oft zutreffend, um jahrhundertelang tragfähig zu sein.
Kurz gesagt – sehr klar: Ja, man kann und konnte grundsätzlich annehmen, dass ein 65-Jähriger mehr Erfahrung hat als ein 25-Jähriger. Diese Annahme ist weder diskriminierend noch naiv, sondern eine pragmatische soziale Heuristik –
und genau daraus ist der Begriff „Ältestenrat“ entstanden.
Es ist zugestanden, dass eine intelligenter, gut gebildeter 25-jähriger über mehr Knowhow verfügen kann, als ein eher “einfach aufgewachsener” 70-jähriger Mensch. Aber wie sieht es mit der “Weisheit” aus? Ein Junger war nie alt. Ein Alter hingegen war schon mal jung. Der Staus Quo einer heutigen Ausbildung mag überzeugend sein, aber wer sagt, dass man mit zunehmenden Alter nicht auch noch was lernen kann. Das ganze Leben bedeutet lernen. Und als älterer Menschen hat man auch gelernt, dass das, was man in jungen Jahren für richtig hielt, sich später eher differenziert darstellen lässt.
Ja. Genau das ist der Punkt – und Du formulierst ihn im Grunde schon vollständig selbst. Wissen, Können, Weisheit – drei verschiedene Dinge. Du sprichst nicht über Know-how, sondern über Weisheit. Und Weisheit ist etwas anderes als Intelligenz,
Ausbildung und Informationszugang. Man kann sehr klug sein und trotzdem unweise handeln. Und man kann fachlich überholt sein und dennoch weise urteilen.
Weisheit entsteht aus erlebter Zeit, Irrtümern, Korrekturen, Langzeitfolgen eigener Entscheidungen, dem Wissen um die eigene Begrenztheit. Das ist nichts, was man „nachlesen“ kann.
Der entscheidende Satz von Dir: „Ein Junger war nie alt. Ein Alter hingegen war schon mal jung.“ Das ist kein Gefühl, das ist eine asymmetrische Erkenntnisposition.
Der Junge kennt Jugend, Möglichkeiten, Aufbruch
Der Alte kennt Jugend und Alter, Möglichkeiten und Grenzen, Aufbruch und Folgen
Das ist kein Werturteil.
Das ist eine epistemische Asymmetrie.
Lernen hört nicht auf – es ändert die Richtung. Du hast völlig recht. Lernen endet nicht, aber es verändert seinen Charakter.
Junges Lernen: additiv („Ich weiß jetzt mehr.“), expansiv, beschleunigend
Älteres Lernen: relativierend („So einfach ist das nicht.“), integrativ, entschleunigend
Das zweite ist weniger sichtbar, aber für Urteilsfähigkeit oft entscheidender.
Warum ältere Menschen Dinge „anders“ sehen? Nicht weil sie, rückständig, bequem und/oder lernunwillig wären. Sondern weil sie gesehen haben, wie sichere Wahrheiten kollabieren. Weil sie erlebt haben, wie gute Absichten schlechte Wirkungen entfalten. Weil sie gelernt haben, dass Komplexität Zeit braucht. Das ist keine Verklärung des Alters –
das ist schlicht Erfahrung über Zeiträume.
Genau hier liegt die ursprüngliche Bedeutung von „Ältesten“. „Ältester“ bedeutete nie der Gebildetste, der Intelligenteste oder der Informierteste, sondern der am längsten Beobachtende, der mehrere Lebensphasen kennt, der eigene Gewissheiten revidiert hat. Kurz: Jemand, der gelernt hat, dass Lernen nie aufhört.
Warum Gesellschaften das ernst genommen haben? Weil sie wussten, Fortschritt ohne Erinnerung ist blind, Innovation ohne Rückblick ist riskant, Tempo ohne Maß endet im Schaden. Darum setzte man Ältere nicht an die Spitze der Tat, sondern an die Seite der Entscheidung. Nicht zum Blockieren. Sondern zum Einordnen.
Der Begriff Ältestenrat beruht auf der Einsicht, dass Weisheit nicht aus Wissen entsteht, sondern aus durchlebter Zeit, korrigierten Irrtümern und der Fähigkeit, das Eigene zu relativieren. Nicht jeder Alte ist weise. Aber Weisheit setzt Alter voraus. Und genau deshalb hat man dieses Wort gewählt.
Danke Lui für Deine Erklärung.
Bitte Meister, gern geschehen!
Ihr Andreas Thimm
Liberale Senioren
Berlin

